Liebe Leser von denkspa 🙂

Normalerweise berichtet Indra auf denkspa ĂŒber diverse Themen, die fĂŒr Indonesier, die sich ĂŒber das Leben in Deutschland informieren wollen, interessant sein könnten. In Zeiten von Corona Ă€ndert sich vieles. Und so schreibe ich zur Abwechslung an dieser Stelle nach lĂ€ngerer Zeit mal wieder einen Gastbeitrag fĂŒr denkspa. FĂŒr diejenigen, die mich noch nicht kennen:

Mein Name ist Tobi und ich habe das GlĂŒck, seit zweieinhalb Jahren mit Indra verheiratet zu sein 🙂 Wir befinden uns jetzt seit 8 Monaten in Indonesien, momentan leben wir in der NĂ€he von Mataram auf der Insel Lombok. Ich habe relativ frĂŒh von dem Corona-Virus erfahren und die Entwicklung auch bereits seit Ende Januar recht intensiv verfolgt. Viele meiner Bekannten, Arbeitskollegen und Familienangehörigen fragen mich in letzter Zeit, wie die Situation aktuell in Indonesien ist, da in der deutschen Presse natĂŒrlich nicht ĂŒber jedes Land berichtet werden kann und der Fokus dort ĂŒberwiegend auf Deutschland und den NachbarlĂ€ndern liegt. Daher möchte ich an dieser Stelle einmal meine persönliche Erfahrung und EinschĂ€tzung der Lage in Indonesien teilen. Ich vermute, auch fĂŒr Indonesier ist es interessant, zu erfahren, wie sich ein AuslĂ€nder in Indonesien wĂ€hrend der aktuellen Krise fĂŒhlt.

Mein Indonesisch ist leider noch nicht so gut, dass ich einen lĂ€ngeren Artikel auf Indonesisch schreiben kann. Daher schreibe ich auf Deutsch. Tapi jangan khawatir
auf denkspa wird auch in Zukunft weiter auf Indonesisch berichtet 🙂

Zur Situation in Indonesien

Indonesien meldete am 1. MĂ€rz 2020 den ersten offiziellen Fall im Land und hat zum jetzigen Zeitpunkt (4. April 2020) offiziell 2.092 Corona-FĂ€lle, von denen 191 Menschen an den Folgen der Erkrankung verstorben sind. Die Sterberate (MortalitĂ€tsrate) ist somit sehr hoch und die offizielle Anzahl an Infizierten ist fĂŒr einen Staat mit ca. 260 Millionen Einwohnern erstaunlich gering. Allerdings muss man auch erwĂ€hnen, dass in Indonesien bisher deutlich weniger Tests durchgefĂŒhrt wurden als in vielen anderen LĂ€ndern. 7.976 Tests wurden bis jetzt (Stand 4. April 2020) offiziell durchgefĂŒhrt. Zum Vergleich: In Deutschland („nur“ ca. 80 Mio. Einwohner) wurden bereits fast 1 Million Tests durchgefĂŒhrt.

ZusĂ€tzlich zu diesen 7.976 Tests gibt es noch sogenannte Schnelltests (Rapid Tests); hiervon wurden in den letzten Tagen bereits deutlich mehr in Indonesien durchgefĂŒhrt. Jedoch kann man aus diesen Schnelltests nicht mit Sicherheit schließen, ob eine Person mit COVID-19 infiziert ist, da diese Schnelltests nach meinem VerstĂ€ndnis allgemein auf Antikörper gegen Viren prĂŒfen. Falls positiv, muss danach also gegebenenfalls ein weiterer Test direkt auf COVID-19 erfolgen.

Zum Vorgehen der Regierung

Ich werde an dieser Stelle nur die Maßnahmen beschreiben, aber keine Kritik Ă€ußern. Zum einen, weil ich „nur“ Gast in diesem Land bin und zum anderen, weil es aus meiner Sicht in der aktuellen Situation wichtig ist, dass alle Menschen Ruhe bewahren. Aus meiner Sicht wird die Gesellschaft nicht profitieren, wenn es zusĂ€tzlich zu der gesundheitlichen Bedrohung auch noch zu Unruhen kommt. Daher hoffe ich, dass alle Leute Ruhe bewahren, KontakteinschrĂ€nkungen und Hygieneempfehlungen befolgen und somit dazu beitragen, dass möglichst wenig Personen an dem Virus erkranken. An dieser Stelle Kritik zu Ă€ußern, halte ich fĂŒr kontraproduktiv.

Nachdem die Regierung Indonesiens im Januar und Februar noch keine großen Warnungen aussprach, hat sie in den vergangenen Wochen verstĂ€rkt auf das Virus hingewiesen und die Bevölkerung gebeten, soziale Distanz zu wahren, auf Hygiene zu achten und von zu Hause zu beten. Gerade Letzteres ist fĂŒr viele glĂ€ubige Moslems hierzulande kein leichter Schritt, da Religion in Indonesien eine sehr viel grĂ¶ĂŸere Rolle einnimmt als beispielsweise in Deutschland.

DarĂŒber hinaus sind Maßnahmen wie EinreisebeschrĂ€nkungen beschlossen worden. Die Direktverbindungen nach Wuhan wurden bereits ausgesetzt, als das Ausmaß der Infektionen bekannt wurde. Mittlerweile sind die EinreisebeschrĂ€nkungen sehr viel drastischer und so ist es fĂŒr AuslĂ€nder aktuell nur noch möglich einzureisen, wenn sie ĂŒber eine KITAS oder KITAP (also eine begrenzte oder dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung ĂŒber mehrere Monate oder Jahre) verfĂŒgen oder einen Diplomatenpass o.Ä. haben. Allen anderen Personen wird die Einreise derzeit verweigert; auch ein Visa On Arrival (also Visum bei Ankunft am Flughafen) wird aktuell natĂŒrlich nicht mehr ausgestellt.

Auch das ist fĂŒr ein Land, in dem viele Menschen vom Tourismus leben, ein herber Einschnitt und dennoch aufgrund der weltweiten Pandemie nachvollziehbar und notwendig.
Was das tĂ€gliche Leben angeht, wurde in den letzten Wochen zunĂ€chst ĂŒberwiegend auf Empfehlungen und Freiwilligkeit gesetzt. Eine strikte Ausgangssperre wie in einigen europĂ€ischen und asiatischen LĂ€ndern wurde bisher nicht verhĂ€ngt. Allerdings scheint hier allmĂ€hlich ein Umdenken stattzufinden. So sind beispielsweise in Einkaufszentren mittlerweile viele LĂ€den, mit Ausnahme von SupermĂ€rkten, geschlossen. Vor allem in den vergangenen Tagen wurde viel ĂŒber eine weitere VerschĂ€rfung der Maßnahmen nachgedacht und teilweise sogar bereits umgesetzt:

In Jakarta, aktuell noch Hauptstadt Indonesiens und mit 10 Millionen Einwohnern (ca. 34 Millionen, wenn man die Metropolregion als Ganzes nimmt) einwohnerreichste Stadt des Landes, gibt es Überlegungen, die Stadt stĂ€rker abzuschotten. Zum Beispiel, indem der Zugang zu Autobahnen und Zugverbindungen eingeschrĂ€nkt werden. Jakarta ist bisher wenig ĂŒberraschend die Stadt mit den meisten Infizierten innerhalb Indonesiens. Ein kompletter „Lockdown“ gilt aktuell aber noch als unwahrscheinlich, da sich PrĂ€sident Joko Widodo („Jokowi“) bisher dagegen ausspricht.

In Tegal, einer Stadt an der NordkĂŒste Javas, geht man sogar noch weiter und isoliert sich mittels strenger Einreisekontrollen. Auch bei uns auf Lombok gibt es VerĂ€nderungen: So sind mittlerweile StrĂ€nde (wie beispielsweise der beliebte Tanjung Aan) gesperrt und in die einwohnerreichste Stadt der Insel (Mataram, ca. 400.000 Einwohner) kommt man nur noch, nachdem man eine Polizeikontrolle passiert hat.

Auch was die UnterstĂŒtzung der Bevölkerung angeht, wird die Regierung nun aktiver. KĂŒrzlich wurde beschlossen, dass die Stromkosten fĂŒr viele Haushalte vom Staat ĂŒbernommen werden. FĂŒr Haushalte mit einem 450 W-Anschluss zu 100%, fĂŒr Haushalte mit einem 900 W-Anschluss 50% der Kosten. Die Maßnahme dĂŒrfte gerade der Ă€rmeren Bevölkerung zugutekommen. Es ist davon auszugehen, dass weitere Maßnahmen folgen werden – gerade, wenn man bedenkt, dass viele Menschen in Indonesien keine großen Ersparnisse haben und besonders stark davon betroffen wĂ€ren, wenn die Einkommen durch die Krise sinken sollten.

Mein persönliches Empfinden in der aktuellen Zeit

Ich persönlich fĂŒhle mich in Indonesien nach wie vor wohl und sicher. Auf Facebook habe ich gelesen, dass ein paar AuslĂ€nder berichteten, dass sie auf Bali beleidigt wurden. Angeblich, weil ein paar Balinesen meinten, dass das Coronavirus von EuropĂ€ern nach Indonesien eingeschleppt wurde. Ich kann natĂŒrlich nicht bewerten, ob das wirklich so passiert ist (Facebook ist nunmals keine zuverlĂ€ssige Quelle). Und ich weiß auch nicht, wie sich die Touristen vorher verhalten haben. Gerade auf Bali gibt es viele Touristen, die sich leider nicht immer respektvoll benehmen.

Ich kann an dieser Stelle dazu nur sagen: Ich habe so etwas hier auf Lombok noch nicht erlebt. Die Leute sind nach wie vor sehr freundlich zu mir und ich kann mir solche VorfĂ€lle in Indonesien auch eigentlich nicht wirklich vorstellen. Wenn, dann sind es wahrscheinlich EinzelfĂ€lle. Indonesien ist nach meiner Erfahrung sehr, sehr gastfreundlich und ich hoffe, dass sich das auch in der aktuellen Corona-Krise nicht Ă€ndern wird. Bisher spĂŒre ich beim Umgang mit anderen Leuten keine VerĂ€nderung. Die Menschen sind hier nach wie vor sehr offen, herzlich und haben stets ein freundliches LĂ€cheln auf den Lippen.

Das Corona-Thema ist in der indonesischen Gesellschaft inzwischen auch sehr prĂ€sent. Man merkt, dass die Leute viel darĂŒber sprechen und sich Sorgen machen. Auch informieren viele Shops und Einrichtungen (KrankenhĂ€user, etc.) ĂŒber Hygienemaßnahmen und bieten am Eingang Seife oder Desinfektionsmittel an. Beim Essenslieferdienst „GoFood“ (vergleichbar mit Lieferando, etc.) kann man auswĂ€hlen, ob das Essen kontaktlos vor die TĂŒr gestellt werden soll. In unserem Viertel wird das Essen mittlerweile sogar beim Wachposten der Security abgegeben, da das Viertel nur noch von Personen betreten werden darf, die dort wohnen.

Auch auf den Straßen merkt man, dass es aktuell keine normalen Zeiten sind. Es gibt deutlich weniger Verkehr und es tragen noch mehr Menschen als ohnehin schon Atemmasken. Es ist sehr gut, dass das Thema in der Bevölkerung angekommen ist und dass die Menschen vorsichtiger geworden sind.

Beerdigungen und das gemeinsame Beten in Moscheen finden – soweit ich das mitbekomme – nach wie vor statt. Zumindest war das vor ein paar Wochen noch der Fall. Allerdings habe ich schon den Eindruck, dass vorĂŒbergehend mehr Leute von zu Hause aus beten.

Wie die Lage in den KrankenhĂ€usern aussieht, kann ich nicht beurteilen, da ich das GlĂŒck hatte, seit Beginn der Krise nicht ins Krankenhaus zu mĂŒssen. Falls es hier zu sehr hohen Infektionszahlen kommen sollte, könnte das Gesundheitssystem jedoch schnell an seine Grenze stoßen. Das ist natĂŒrlich eine Sorge, die man nicht so einfach ausblenden kann. Indra und ich sind Anfang 30 und haben daher eigentlich keine Angst vor dem Virus an sich. Sollten wir daran erkranken, haben wir sehr gute Chancen, ohne einen Arzt- oder Krankenhausbesuch wieder gesund zu werden. Doch eine Sorge bleibt natĂŒrlich: Was passiert, wenn man eine andere Krankheit bekommt (Malaria, Dengue, etc. sind hierzulande ja leider auch prĂ€sent) oder in einen Verkehrsunfall verwickelt sein wird? Dann wĂ€re ein durch Corona ĂŒberlastetes Gesundheitssystem natĂŒrlich auch ein sehr großes Risiko fĂŒr uns. Da wir darauf aber keinen direkten Einfluss haben, versuchen wir es auszublenden. Ein wenig indonesische Gelassenheit und Optimismus habe ich mir in den letzten Monaten ja schon angeeignet 🙂

Zusammenfassend kann ich sagen

Wir sind nach wie vor glĂŒcklich hier zu sein und fĂŒhlen uns sicher. Die Dinge fĂŒr den tĂ€glichen Bedarf sind alle verfĂŒgbar, auch wenn die Preise fĂŒr einige, wenige Lebensmittel (z.B. Zwiebeln) schon etwas gestiegen sind. Gewisse Risiken kann man nicht abstreiten, aber wir hoffen, dass die Gesellschaft in Indonesien gesundheitlich und auch zwischenmenschlich gut durch diese Krise kommen wird. Es bleibt auch abzuwarten, wie sich die indonesische Bevölkerung wĂ€hrend des Fastenmonats Ramadan verhalten wird, der am 23. April 2020 beginnt. Ramadan ist fĂŒr viele Indonesier von sehr hoher Bedeutung und normalerweise reisen die meisten zum Ende des Ramadan (Idul Fitri) zurĂŒck zu ihren Familien. Die Konsequenz wĂ€re, dass es in den nĂ€chsten Wochen zu sehr hohen Reiseaufkommen in ggf. vollen Bussen, Bahnen, Schiffen und Flugzeugen kommen wĂŒrde. Allerdings wĂŒrde ich auch nicht ausschließen, dass viele Indonesier dieses Jahr auf eine RĂŒckreise zu ihren Familien aufgrund der Infektionsgefahren verzichten werden.

Was mir Hoffnung macht: Die Hoffnung, dass sich die Infektionszahlen in Indonesien nicht dramatisch erhöhen, beruht vor allem auf dem Klima. Es gibt einige Experten, die darauf hinweisen, dass sich andere Viren der Corona-Gattung bei hohen Temperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit sowie in Gegenden mit vielen Sonnenstunden nicht so schnell verbreiten, da die Viren in solch einer Umgebung schneller sterben. Darauf hoffe ich persönlich ebenfalls. Und es stimmt mich etwas zuversichtlicher, dass es hier bisher noch nicht zu dramatischen Szenen wie in Italien gekommen ist (zumindest mir nicht bekannt) – und das, obwohl Indonesien wirtschaftlich und allgemein eine enge Bindung an China hat und es Direktverbindungen nach Wuhan gab. Vielleicht und hoffentlich geht vom Klima wirklich ein positiver Effekt aus, der die Ausbreitung des Virus erschwert und somit verlangsamt. Das wĂŒrde auch Hoffnung fĂŒr die Menschen in Europa bedeuten, da dort mit dem FrĂŒhling und Sommer auch wieder steigende Temperaturen und mehr Sonnenstunden einhergehen sollten.

In geschlossenen RĂ€umen, vor allem solchen mit Klimaanlagen, dĂŒrfte das Infektionsrisiko dagegen nicht niedriger als in kĂ€lteren Regionen sein. Von daher wĂ€re es blauĂ€ugig zu glauben, dass das Ausmaß hierzulande nicht dramatisch werden könnte. Wenn die Maßnahmen und Empfehlungen der Regierung jedoch angenommen werden und die Leute den Kontakt zu anderen Menschen weitestgehend meiden, hoffe ich, dass die Situation hier nicht eskalieren wird und dass das Klima auch einen Teil dazu beitragen wird, dass man hier ZustĂ€nde wie in einigen anderen LĂ€ndern nicht erleben wird.

So viel dann erst einmal zur aktuellen Lage in Indonesien.
Passt auf euch auf und bleibt gesund.
Tobi

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